Essen, 02.10.2026. Der Dachverband FairWertung begrüßt den aktuellen Antrag der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN im Bayerischen Landtag zur Stabilisierung der Alttextilsammlung und spricht sich für eine schnelle politische Umsetzung aus. Bayern könne damit vorangehen und zeigen, wie bestehende Sammelstrukturen bis zum Wirksamwerden der erweiterten Herstellerverantwortung gesichert werden können. Weitere Länder sollten folgen.
Der Antrag fordert unter anderem ein Konzept zum Erhalt des bestehenden Sammelsystems bis zur vollständigen Einführung der erweiterten Herstellerverantwortung sowie eine finanzielle Notfallhilfe für Sammlungen in den Kommunen bis Ende 2027.
„Die Problemlage ist politisch längst erkannt. Jetzt müssen daraus konkrete Entscheidungen und Maßnahmen folgen“, sagt Thomas Ahlmann, Geschäftsführer des Dachverbands FairWertung e.V.
Heute erhalten ist günstiger als 2028 neu aufbauen
Der Erhalt der bestehenden Infrastruktur ist aus Sicht von FairWertung nicht nur ökologisch sondern auch wirtschaftlich entscheidend.
Wenn bis zum Wirksamwerden der erweiterten Herstellerverantwortung große Teile der heutigen Sammel- und Sortierstrukturen verschwunden sind, müssen entsprechende Kapazitäten im neuen System teilweise von Grund auf neu geschaffen werden. Sammelbehälter und Standorte müssten neu aufgebaut, Personal gesucht, eingestellt und geschult, logistische Strukturen entwickelt sowie neue Geschäftsbeziehungen und Verwertungswege etabliert werden.
Diese zusätzlichen Kosten würden Teil des künftigen EPR-Systems und müssten damit von der Bekleidungs- und Schuhindustrie getragen werden. Nach Einschätzung von FairWertung könnten unnötig hohe Systemkosten mittelbar auch die Verbraucher*innen belasten.
„Es wäre widersinnig, heute eine Infrastruktur und Branche zusammenbrechen zu lassen und sie kurze Zeit später mit erheblichen zusätzlichen Investitionen neu aufzubauen“, so Ahlmann. „Wer heute in ihren Erhalt investiert, vermeidet morgen zusätzliche Kosten für Wirtschaft und Verbraucher*innen.“
Auch politisch ist klar, dass das künftige Textilgesetz auf den vorhandenen Strukturen aufbauen sollte. Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) hat dies bei der Vorstellung der Eckpunkte für die Herstellerverantwortung im März 2026 hervorgehoben. Bereits 2025 hatte die Umweltministerkonferenz im Saarland die Bedeutung der etablierten kommunalen, gemeinnützigen und gewerblichen Sammelstrukturen hervorgehoben und zugleich festgestellt, dass die bestehenden Systeme für Sammlung, Sortierung und stoffliche Verwertung unter Druck geraten.
Jetzt braucht es konkrete Entscheidungen und Mittel
FairWertung fordert deshalb die Länder auf, gemeinsam mit den Kommunen tragfähige Übergangslösungen bis zum Wirksamwerden der erweiterten Herstellerverantwortung zu schaffen.
Kommunen sollten bestehende Sammlungsstrukturen unterstützen oder gemeinsam mit den vorhandenen Akteuren tragfähige lokale Konzepte entwickeln. Gemeinnützige Sammler und ihre bestehenden Strukturen müssen dabei von Beginn an einbezogen werden. Wo finanzielle Unterstützung erforderlich ist, müssen entsprechende Mittel bereitgestellt werden.
„Jetzt braucht es konkrete Entscheidungen, Programme und finanzielle Mittel. Bayern kann mit der vorliegenden Initiative den nächsten Schritt gehen – weitere Länder sollten folgen“, betont Ahlmann.
Branche geht in das dritte Krisenjahr
Die Krise auf dem Alttextilmarkt geht inzwischen in das dritte Jahr. Die Kosten der Sammlung sind zuletzt erheblich gestiegen: Personal, Fahrzeuge, Sammelbehälter, Stellplätze, Leerung und Transport sind teurer geworden. Diese Mehrkosten treffen auf dauerhaft niedrige Erlöse aus der Sammelware.
Die Folgen werden zunehmend in der Infrastruktur sichtbar. Touren und Sammelgebiete werden reduziert oder vollständig eingestellt. Nach Schätzungen aus der Branche wurden inzwischen mehr als 30 Prozent der Sammelbehälter im öffentlichen Raum aufgegeben.
Auch die für Wiederverwendung und Recycling unverzichtbare Sortierinfrastruktur gerät weiter unter Druck. Im September musste ein weiterer Sortierbetrieb Insolvenz anmelden. Ob die gerade in Deutschland dringend benötigten Sortierkapazitäten erhalten werden können, ist offen. Damit stehen auch Arbeitsplätze und wertvolles Fachwissen auf dem Spiel. Gehen solche Betriebe endgültig aus dem Markt, verliert Deutschland Verarbeitungskapazitäten, die für die zukünftige textile Kreislaufwirtschaft dringend benötigt werden.
Die Auswirkungen reichen weit über die Branche hinaus. Bürger*innen verlieren wohnortnahe Abgabemöglichkeiten, während sich die Mengen an den verbleibenden Sammelstellen konzentrieren. Wertstoffhöfe und gemeinnützige Einrichtungen geraten zusätzlich unter Druck. Insbesondere Kleiderkammern und Sozialkaufhäuser können eine flächendeckende Sammelinfrastruktur weder personell noch räumlich oder finanziell ersetzen. Vielerorts werden sie jedoch zunehmend in genau diese Rolle gedrängt.
„Sammelstellen verschwinden, Sortierkapazitäten sind gefährdet und Arbeitsplätze gehen verloren. Wenn diese Strukturen einmal weg sind, fehlen genau die Kapazitäten und das Know-how, die für eine funktionierende textile Kreislaufwirtschaft und die kommende Herstellerverantwortung benötigt werden“, warnt Ahlmann.
