Afrika ohne Mitumba – Politischer Aktionismus oder mögliche Entwicklungsperspektive?

Secondhand-Bekleidung ist in den meisten afrikanischen Ländern weit verbreitet. Jedes Jahr werden mehr als 400.000 Tonnen Gebrauchtkleidung importiert. Daneben wird auf den Märkten insbesondere aus Asien importierte Neuware angeboten. Eine eigene Textilproduktion für den einheimischen Markt gibt es in den meisten afrikanischen Ländern hingegen heute kaum noch.

Secondhand-Kleidung soll bis 2019 verschwinden
Die Staaten der Ostafrikanischen Gemeinschaft (EAC) - Kenia, Uganda, Tansania, Burundi und Ruanda – haben daher vor einiger Zeit angekündigt, die Importe von gebrauchter Bekleidung und Schuhen bis spätestens 2019 zu unterbinden. Neukleidung aus Asien soll von dem Importstopp allerdings nicht betroffen sein.
Die Regierungen versprechen sich von einem Importstopp für Secondhand-Kleidung „ein höheres Maß an Produktion und Qualität“ in der Industrie, tausende Arbeitsplätze in der neu entstehenden Bekleidungsindustrie sowie letztlich die Industrialisierung der ganzen Region. Als Vorbilder dienen Länder wie Ägypten, Ghana und insbesondere Äthiopien, wo in den letzten Jahren mehrere zehntausend Arbeitsplätze in Textilfabriken entstanden sind. Die größten Länder der ostafrikanischen Gemeinschaft (Tansania, Kenia, Uganda) sind inzwischen wieder vom angekündigten Importverbot für Secondhandkleidung abgerückt (vgl FairWertung Meldung vom 02. März 2018).

Produktion für den Export
Bei näherer Betrachtung des äthiopischen Modells fallen allerdings drei Sachen ins Auge: Die Fabriken gehören mehrheitlich asiatischen, indischen oder türkischen Investoren - die Gewinne fließen also ins Ausland ab. Außerdem sind die Löhne sogar niedriger als in asiatischen Billiglohnländern: Während in Bangladesch im Monat mindestens 67 Dollar gezahlt werden, verdienen die Arbeiter_innen in Äthiopien ab 21 Dollar pro Monat Und genau wie in asiatischen Fabriken geht das meiste der dort produzierten Textilien in den Export – nämlich in die kaufkräftigen Regionen Nordamerika und Europa.

Zweifel an den Erfolgsaussichten
Und so werden auch erhebliche Zweifel an den Plänen der EAC in Afrika geäußert. Die kenianische Wirtschaftsprofessorin Scolastica Odhiambo etwa bezweifelt, dass eine lokale Bekleidungsindustrie überhaupt genug Kapazitäten aufbauen könnte, um die Nachfrage der Bevölkerung decken zu können. Zudem sei die Qualität der bisher produzierten Textilien oftmals mangelhaft.
Einen „unüberlegten, möglicherweise fatalen Entscheid“ nennt Pietra Rivoli von der US-Universität Georgetown die Ankündigung der EAC: "Es ist schwierig, die Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt abzuschätzen." Das Importverbot für Secondhand-Kleidung könne mehr Menschen in Ostafrika ihre Arbeitsplätze kosten als die lokale Textilindustrie zu schaffen vermag, vermutet die Globalisierungs-Expertin.

Einkommen und Bekleidung nach Wahl
Denn der Handel mit Secondhand-Kleidung schafft Einkommen für viele tausend Menschen in Ostafrika. Allein auf dem Gikombo-Großmarkt in Kenias Hauptstadt Nairobi arbeiten ca. 12.000 Menschen im Handel mit gebrauchter Kleidung. „Sie sollen es nur wagen – wir werden unsere Kleidung entfernen und auf den Straßen demonstrieren“, sagt eine kenianische Händlerin für Frauenkleidung zu den Plänen der ostafrikanischen Union für einen Importstopp.

Denn dies hätte vermutlich fatale Folgen für sie und ihre Kollegen_innen auf den Märkten und Straßen. Aktuell ermöglicht der Secondhand-Markt es vielen, an der langen Wertschöpfungskette von den Häfen bis in die kleinsten Dörfer etwas mitzuverdienen. Schließlich werden zum Einstieg kaum Investitionen, keine Maschinen oder spezifische Qualifikationen benötigt. Vor allem Frauen und Jugendliche finden so ihr Einkommen an Marktständen oder in den Straßen. Auch viele Schneider_innen haben sich mittlerweile eine eigene Nische erschlossen: Sie arbeiten Secondhand-Kleidung individuell um oder fertigen daraus neue Kreationen.

Auch für die Konsumenten liegen die Vorteile der Secondhand-Kleidung auf der Hand: Sie ist günstig, das Angebot vielseitig, besteht meist aus Baumwolle und ermöglicht es auch den ärmsten Bevölkerungsschichten, sich mit Kleidung zu versorgen.

Sollte die Afrikanische Union ihre Pläne verwirklichen, müsste daher die Versorgung der Bevölkerung mit ausreichend Bekleidung zu bezahlbaren Preisen aus anderen Quellen sichergestellt werden. Zeitgleich würden viele kleine Händler*innen auf den Märkten und Straßen ihre Existenzgrundlage verlieren. Sie benötigten umgehend neue Einkommen um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten.

Daher gibt es auch Stimmen aus der afrikanischen Politik, die einem Verbot kritisch gegenüber stehen: „Wir können nicht etwas verbieten, wenn wir keine Alternativen haben. Menschen brauchen eine Alternative, wenn wir sagen, Ihr könnt keine Kleidung importieren“, fasst der zimbabwische Minister Mike Bimha das Problem zusammen, „Wenn wir nicht die Kapazität haben, mehr oder weniger das Gleiche herzustellen wie das, was wir importieren, können wir genauso gut weiter importieren“ .

Neuware stammt vor allem aus Asien
Die entstehende Lücke bei der Versorgung mit Bekleidung würden vermutlich insbesondere Textilimporte aus Asien schließen. Bereits heute wird neben der Secondhand-Kleidung chinesische Neuware als Alternative auf den Märkten angeboten. Aber obwohl die Textilien aus Asien günstig sind und nicht mehr kosten als Secondhand-Kleidung, bevorzugen viele Kunden_innen weiterhin gebrauchte T-Shirts, Hosen und Röcke. Denn die Kleidungsstücke aus Asien sind zumeist aus billigsten Kunstfasern gefertigt und entsprechen nicht den klimatischen Bedingungen. Sie sind daher vielfach unangenehm zutragen.

Auch eine aktuelle Studie im Auftrag des Ministerrates der skandinavischen Länder kommt zu dem Schluss, dass bei einem Importverbot für Secondhand-Ware insbesondere asiatische Billigbekleidung die Lücke schließen würde. Denn die veralteten und ineffizienten Strukturen verfestigen die mangelnde Konkurrenzfähigkeit einheimischer Hersteller gegenüber den asiatischen Produzenten. Letztlich sei dies auch der Hauptgrund für den Niedergang vieler Fabriken in der Vergangenheit gewesen. Es sei daher auch nicht sehr wahrscheinlich, dass bei einem Importstopp für Alttextilien künftig afrikanische Produzenten die Lücke füllen.

Eine Beschränkung des Imports von Neukleidung aus Asien ist allerdings von der ostafrikanischen Gemeinschaft nicht geplant. Es ist auch sehr fraglich, ob dies politisch durchsetzbar wäre: Denn inzwischen werden die meisten Industrie- und Infrastrukturprojekte in vielen afrikanischen Ländern von der chinesischen Regierung oder chinesischen Investoren finanziert.

Insgesamt ist daher sehr fraglich, ob ein vollständiger Importstopp für Secondhand-Kleidung tatsächlich zum Aufbau einer einheimischen Produktion führt und eine Versorgung mit Kleidung zu bezahlbaren Preisen sicher stellt. Er wird aber in jedem Fall große Auswirkungen auf die bisherigen Händler*innen und Konsumentinnen in Afrika haben – wie auch auf die Sammler und Sortierer in Europa.

Dieser Artikel ist im Magazin Brauchbar (Ausg. Juni 2017) erschienen

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