Globaler Secondhand-Handel
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Mitumba aus dem Norden, Billigware aus Asien und Kangas aus eigener Produktion: Wie vielseitig sich die Kleidermärkte Afrikas heute gestalten, zeigt das Beispiel Tansania.

Zusammengeschnürt in schweren Bündeln kommt die Gebrauchtkleidung am Hafen von Daressalam an. Zwischen 45 und 200 Kilogramm wiegen die Kleiderballen, die in Containern aus Europa und Nordamerika in Tansanias Hauptstadt anlanden. Die großen Ballen werden in Lagerhallen in der Nähe des Hafens geöffnet und zu handlichen Bündeln umgepackt. Kleinere Ballen bleiben meist ungeöffnet.
Es sind Einheimische mit indischen oder libanesischen Wurzeln, die die Gebrauchtkleidung einführen. Einige Großfamilien haben diesen Handel in der Hand, denn nur wenige Händler besitzen genügend Kapital für einen vollen Container. Er kostet umgerechnet etwa 20.000 Euro; bis zu 80 Prozent Zoll kommen hinzu.  

Erste, zweite, dritte Wahl...

Besonders gute Kleidung filtern die Importeure aus den großen Kleiderballen heraus. Für etwa fünf Euro verkaufen sie die Einzelstücke in ihren eigenen Boutiquen. Die restliche Ware geht an Zwischenhändler und Besitzer von Marktständen in Daressalam. „Oft verkaufen die Importeure Kleiderballen, die sie mit unbrauchbaren Textilien vermischt haben“, ärgert sich Kikuwi Gaston. „So täuschen sie die Kleinhändler und machen zusätzlich Gewinn.“ Der Tansanier ist Geschäftsführer von VIBINDO, dem landesweit größten Jugendverband für das Kleingewerbe. VIBINDO betreut und vertritt auch 30.000 Machingas – junge Straßenverkäufer, die mit Secondhand­textilien ihren Lebensunterhalt verdienen. Die Machingas sind das letzte Glied in der Kette der Händler. Ihre Kleidung erhalten sie von Zwischenhändlern oder Marktstandbesitzern auf einem der großen Textilmärkte der Stadt. Bis zu zwölf Stunden am Tag laufen sie mit ihrer Ware herum, die sie auf Kleiderbügeln präsentieren; nach Käufer_innen suchen sie besonders in den Geschäftsvierteln der Stadt. Ihre Ar­beit ist anstrengend, und so sparen die meisten für eine Standkonzession auf einem der offiziellen Märkte Daressalams.

Kein Bedarf an Hilfslieferungen

Wie in den meisten Entwicklungsländern boomt auch in Tansania der informelle Sektor; etwa 60 Prozent aller Beschäftigten in Daressalam sind hier tätig. Von diesen 60 Prozent arbeitet ein beträchtlicher Teil im Handel mit Gebrauchtkleidung. Entsprechend groß ist das Angebot auf den unzähligen Mitumbamärkten des Landes: Kleidung zu angemessenen Preisen und in unterschiedlicher Qualität gibt es überall zu kaufen. „Almosen“ sind nicht mehr gefragt. „Wenn neben der Secondhandkleidung auch noch Hilfsgüter ins Land kämen, würde das System nicht mehr funktionieren. Wer sollte dafür garantieren, dass die Kleidung auf direktem Wege zu den Menschen käme?“, fragt Kikuwi Gaston. „Schon in der Vergangenheit wurden viele Hilfslieferungen verkauft.“ Kostenlose Kleidung würde außerdem bedeuten, dass Importeure ihre Preise senken müssten – und mit ihnen die Händler_innen auf der Straße.

Erst Kleidermangel, dann Importe

Der Handel mit gebrauchten Textilien begann Mitte der 1980er Jahre, als Tansania unter einem beträchtlichen Mangel an Kleidung litt. Auch die tansanische Regierung verpflichtete sich damals gegenüber Weltbank und Internationalem Währungsfonds (IWF), jegliche Unterstützung für die heimische Textilindustrie einzustellen. Viele Bekleidungsproduzenten überlebten diesen Einschnitt nicht, den der IWF zur Bedingung für Ent- und Umschuldungsprogramme gemacht hatte. Als die Regierung 1987 das Importverbot für Secondhandtextilien aufhob, begann sich schließlich der Handel mit gebrauchter Kleidung zu etablieren. Heute importiert Tansania jedes Jahr große Mengen an Gebrauchttextilien. Allein 2011 kamen 87.000 Tonnen im Wert von 57 Millionen US-Dollar ins Land. Damit erhöhte sich der Handel in den letzten zehn Jahren um 65 Prozent – bei einem Bevölkerungswachstum von 35 Prozent. Wegen des günsti­geren Wechselkurses mit dem Dollar stammen fast 40 Prozent der Kleidung aus Kanada und den USA. Aus Deutschland kom­men etwa 5.000 Tonnen. Deutsche Kleidung hat einen höheren Baumwollgehalt und ist oft weniger abgetragen. Sie ist sehr begehrt, aber nicht für jeden er­schwinglich.

Konkurrenz aus Asien - moderne Mitumba

Wie in vielen anderen afrikanischen Staaten ist Kleidung auch in Tansania zu einem wichtigen Statussymbol geworden. Hiervon profitiert die Secondhandbranche – denn Einheitskleidung aus staatlicher Textilproduktion möchte niemand mehr tragen.

Inzwischen macht allerdings die Einfuhr asiatischer Neukleidung den Händler_innen zu schaffen: Allein in den letzten 10 Jahren stieg sie um 300 Prozent. Heute machen asiatische Textilien – gemessen am Warenwert – 46 Prozent aller Beklei­dungsimporte aus.  
Bei vielen jungen Leuten kann Mitumba nun nicht mehr mit den modernen, oft billigeren Textilien aus Asien konkurrieren. Doch die Secondhandverkäufer_innen haben einen Weg gefunden, mit dieser Herausforderung umzugehen: “Um in Sachen Mode am Ball zu bleiben, lassen viele Straßenhändler die gebrauchte Ware von einer Schneiderin umnähen“, berichtet Kikuwi Gaston. „Erst dann bieten sie sie zum Verkauf an.“

Heimische Textilproduktion im Aufwind

Dass sich die tansanische Textilindustrie trotz solch massiver Konkurrenz auf dem Kleidermarkt wieder erholen würde, konnte sich in Europa kaum jemand vorstellen. Doch in den letzten Jahren ist die Textilproduktion des Landes stetig gestiegen. Der tansanische Textil- und Baumwollver­band zählt heute über 20.000 Beschäftigte in mehr als 40 Fabriken und Kleinbetriebe. Mit 68 Prozent ist die Bekleidungsindustrie eine der bestausgelasteten Industrien des Landes. So hat sich die einheimische Stoffproduktion in den letzten Jahren mehr als ver­doppelt: von 65 Millionen Quadratmetern im Jahr 2000 auf 136 Millionen Quadratmeter in 2008. Auch ausländische Investoren keh­ren zurück – und nutzen die Zollfrei­heit, die tansanische Kleidung in der Europäischen Union und den USA hat.

„Zwischen unserer Textilindustrie und Mitumba gibt es keine Verbindung“, erklärt Kikuwi Gaston die Entwicklungen auf dem Kleidermarkt. Und tatsächlich: Die einheimischen Fabriken haben sich auf Nischenmärkte spezialisiert. Hier entstehen Schuluniformen, Berufskleidung und Baumwollstoffe, aus de­nen Kangas oder Kitengues genäht werden. “Im ganzen Land tragen vor allem ältere Frauen unsere Stoffe“, erzählt Kikuwi Gaston. Und so gibt es in Tansania – trotz Mitumba und asiatischer Billigware – auch einen Markt für einheimische Kleidung.

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