Erfahrung und Fingerspitzengefühl - ein Experteninterview zu Hilfsgüterlieferungen

Angesichts der weltweit steigenden Flüchtlingszahlen wird vermehrt der Vorschlag gemacht, hier nicht benötigte Textilien direkt in Krisengebiete zu bringen und dort zu verteilen. Wir haben dazu zwei Fachleute aus dem Netzwerk FairWertung befragt, die langjährige Erfahrungen mit Hilfstransporten haben. Roman Engelhart ist Betriebsleiter der Sammelzentrale der Aktion Hoffnung Rottenburg-Stuttgart in Laupheim. Ulrich Müller ist geschäftsführender Vorstand der Deutschen Kleiderstiftung in Helmstedt.

Ihre Organisationen führen regelmäßig Hilfsgütertransporte durch. Wohin gehen die Transporte und wer wird unterstützt?

Ulrich Müller, geschäftsführender Vorstand der Deutschen Kleiderstiftung
Ulrich Müller, geschäftsführender Vorstand der Deutschen Kleiderstiftung

Ulrich Müller: In diesem Jahr werden wir Mitmenschen in Albanien, Rumänien, Moldawien, in der Ukraine, in Weißrussland, in Kaliningrad und auch in Togo unterstützen. Zielgruppen sind finanzschwache Bewohner in ländlichen Regionen, Menschen in Rehabilitationseinrichtungen für Obdachlose und Drogenabhängige. Darüber hinaus haben wir uns für eine spontane Unterstützung der Flüchtlinge in Nordgriechenland eingesetzt. In Deutschland fördern wir Kleiderkammern und soziale Einrichtungen mit Textilspenden.

 

 

 


Roman Engelhart, Betriebsleiter Sammelzentrale Laupheim

Roman Engelhart: Im letzten Jahr haben wir von der Sammelzentrale aus Hilfsgüter in zehn Länder weltweit versandt; u.a. nach Lateinamerika, Afrika, Rumänien und den Irak. In erster Linie verschicken wir gespendete Textilien und Schuhe, daneben aber auch Krankenhausbedarf, Ersatzteile für Maschinen, Pumpen etc. Die Empfänger sind vor allem kirchliche Organisationen wie z.B. Ordensgemeinschaften oder kirchliche Vereine.

 

 

 

 

Was sind die Herausforderungen und Probleme eines jeden Transports?

Engelhart: Bei den Überseetransporten sind vor allem Probleme in den Zielhäfen zu bewältigen. Oft werden Versandpapiere nicht anerkannt, überhöhte Zollgebühren gefordert oder die Steuerfreiheit von Hilfslieferungen angezweifelt. Danach birgt der Weitertransport ins Inland oder in nicht an Küsten gelegene Länder Risiken: fehlende LKW-Transportkapazitäten, Streiks, Streit um Frachtkosten und schlechte Straßenverhältnisse (z.B. nach Unwettern) behindern die Auslieferungen. Dies erfordert eine Menge Erfahrung und verlässliche Partner vor Ort.

Müller: Es ist darüber hinaus wichtig, den Bedarf der Empfänger zu kennen und diesen zu bedienen. Wir stellen daher für jeden Partner eine individuelle Lieferung zusammen. Das erfordert Fingerspitzengefühl bei der Sortierung und ein sehr differenziertes Sortiersystem.

Sie haben zuletzt auch Lieferungen in Krisengebiete wie nach Idomeni oder den Nordirak durchgeführt. Was sind die besonderen Herausforderungen bei Hilfsgütertransporten in Krisenregionen?

Engelhart: Jedes Krisengebiet hat seine spezifischen Herausforderungen. Generell sind Sicherheitsprobleme, Bürokratie und die weitverbreitete Korruption, die sich in einer oft schikanösen Behandlung der Partner vor Ort niederschlägt, zu nennen. Zudem ist der richtige Zeitpunkt des Versands wichtig. Jede Lieferung muss laufend überwacht werden: von der Entladung im Empfängerhafen über die Verladung auf den LKW für den Landtransport und die Auslieferung selbst. Hier ist ein enger Kontakt mit den Empfängerorganisationen der entscheidende Punkt.

Müller: Auch wir setzen auf orts- und fachkundige Akteure vor Ort. Wir prüfen zunächst die Vertrauenswürdigkeit, die politische und organisatorische Unabhängigkeit potenzieller Projektpartner. Danach sprechen wir über deren logistische Möglichkeiten und über das vorhandene Potential, die Hilfsgüter zu den Empfängern zu bringen. Dies muss oftmals in engen Zeitfenstern koordiniert werden
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Manche ehrenamtliche Initiativen aus der Flüchtlingshilfe bestehen auf einer kostenlosen Weitergabe der Textilien, die vor Ort keine Verwendung gefunden haben. Einige wenige planen sogar eigene Transporte oder Verschickungen in Krisengebiete z.B. in den Norden des Irak. Wie stehen Sie diesen Plänen gegenüber?

Müller: Bei diesem Vorgehen besteht einfach die Gefahr, dass schlechtere Qualität sowie Bekleidung, welche nicht zum Zielland passt, unnütz viele tausend Kilometer auf die Reise geschickt wird. Man muss wissen, dass Hilfsgütertransporte erhebliche Sortier- und Frachtkosten verursachen, die in der Regel von den Versendern zu tragen sind, da die Empfängerorganisationen meist nicht über entsprechende Geldmittel verfügen. Und trotzdem entstehen unseren Partnern vor Ort bei der Entladung, Einlagerung und Verteilung der Hilfsgüter Kosten. Unseren Partner ist es daher erlaubt, einen Teil der Spenden vor Ort zu veräußern, um die eigenen Kosten zu refinanzieren. Dieses Vorgehen wird offen kommuniziert und wird von unseren Spendern geschätzt und unterstützt.

Engelhart: Wie schwierig Hilfsgüterversendungen sind, zeigt sich zunächst daran, dass nur sehr wenige Speditionen überhaupt bereit und in der Lage sind, solche Transporte anzubieten. Ferner braucht es vor Ort eine verlässliche Empfängerorganisation. Ohne detaillierte Kenntnisse bei der Erstellung der Ausfuhrgenehmigung und der Versanddokumente ist so ein Unterfangen schwierig. Diese Arbeit lohnt nur, wenn es sich um größere Mengen an Kleidung handelt. Für kleinere Mengen ist eher eine Mitversendung zu empfehlen, d.h. dass sich Initiativen an Sammeltransporten per LKW beteiligen und auf bewährte Versandstrukturen und im Hilfsgüterversand erfahrene Partner zurückgreifen.

Vielfach wird ganz grundsätzlich der Wunsch geäußert, dass Kleiderspenden aus Deutschland per se als Hilfsgüter in ärmere Länder gebracht werden sollen. Wie stehen sie zu diesem Wunsch?

Müller: Diesen Wunsch verstehe ich. Insbesondere hochwertige Kleiderspenden will man nicht dubiosen Händlern in die Hände geben. Allerdings wäre diese Vorgehensweise in der Sache wenig hilfreich, da die Mengen den Bedarf deutlich übersteigen würden. Besser ist es, seine Kleidung an eine Organisation zu geben, deren Sachkompetenz man vertrauen kann.

Engelhart: In Deutschland werden jährlich über 900.000 Tonnen Gebrauchtkleidung gesammelt – es ist daher völlig unrealistisch, diese Menge per Transport in ärmere Länder zu bringen. Für eine so große Menge verfügen auch die karitativen Organisationen vor Ort weder über Lager- und Logistikmöglichkeiten noch über geeignete Verteilungsstrukturen.

Planen Sie aktuell weitere Hilfsgüterlieferungen? Wohin gehen diese und was wird benötigt?

Engelhart: Aktuell sind Hilfslieferungen für Brasilien, Angola und Burkina Faso geplant. Es soll jeweils Sommerkleidung versandt werden, zusätzlich landwirtschaftliche Maschinen und Ersatzteile für Projekte vor Ort.

Müller: Togo und Kaliningrad stehen ganz oben auf der Liste. Für die einen dürfen die Textilien nicht zu warm sein, für die anderen nicht zu dünn.

das Interview ist im Magazin Brauchbar 2016 erschienen

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