Nur das, was sie am Leibe tragen - eine Reportage aus der Bayernkaserne

diakonia in München ist eine der tragenden Säulen in der Flüchtlingshilfe in Bayern geworden. Im vergangenen Jahr halfen 10.000 Freiwillige dem Münchner Sozialbetrieb bei der Erstversorgung geflüchteter Menschen. Dort, wo im letzten Jahr besonders viele geflüchtete Menschen Deutschland erreichten.

Die Halle 28 in der Bayernkaserne im Münchner Norden: hohe Wände, blanker Putz, Betonboden. Das unscheinbare Gebäude diente in den vergangenen Jahrzehnten vor allem als Lagerhalle. Nun beherbergt der Bau eine Kleiderkammer, die Flüchtlinge mit Kleidung und Hygieneartikeln erstversorgt. Ein leuchtend blauer Vogel einer Graffiti-Künstlerin an der Außenfassade weist den Ankommenden schon von weitem den Weg. „Die meisten, die zu uns kommen, haben nur das, was sie am Leib tragen“, erklärt Vanessa Hadzic, Leiterin der Kleiderkammer in der Bayernkaserne, die von diakonia in München betrieben wird. „Letzte Woche standen Männer aus Afghanistan in Badeschlappen vor der Tür – und das bei eisigen Temperaturen.“

Bis zu 300 Flüchtlinge täglich
Das Team um Vanessa Hadzic versorgt täglich bis zu 300 Flüchtlinge. Mit Kreativität, Ideenreichtum und viel Liebe ist aus der nüchternen Lagerhalle eine Art Kaufhaus geworden. An langen Kleiderstangen finden die Ankommenden gespendete Kleidung nach Größen sortiert. Es gibt eine umfangreiche Schuhabteilung, eine Leseecke und einen Tresen, an dem Hygieneartikel, wie Duschgel, Shampoo, Zahnpflege, Rucksack und Koffer ausgegeben werden. Die Abteilung für Frauen und Schwangere ist abgetrennt und schützt die weiblichen Besucherinnen vor unliebsamen Blicken.
Bis zu 40 ehrenamtliche Helferinnen und Helfer arbeiten täglich hier. Eine Schicht in der Kleiderausgabe der Bayernkaserne dauert von 9.30 bis 14 Uhr. Die Einteilung funktioniert über einen Online-Kalender auf der Website von diakonia. Besondere Kenntnisse sind nicht notwendig, nach einer kurzen Einweisung und Aufteilung der Aufgaben kann es losgehen. „Viele freiwillige Helferinnen und Helfer kommen regelmäßig“, freut sich Vanessa Hadzic. Darunter Sandra Nowak. Die junge Studentin kommt fast jede Woche und genießt die „familiäre Atmosphäre“ am Samstag: „Es ist eine sehr gute Stimmung hier. Mit einem Lachen gehe ich wieder nach Hause zurück. Wo hat man das schon?“ Auch Thomas Nied ist regelmäßig da: „Ich habe hier von jedem etwas gelernt, von den Flüchtlingen und von den Ehrenamtlichen. Von den wenigsten hier weiß ich, was sie sonst beruflich machen. Das ist auch nicht wichtig.“
Sie alle unterstützen die geflüchteten Menschen bei ihrem Gang durch die Kleiderkammer. Am Eingang wird jeder Ankommende registriert und erhält einen Einkaufskorb. Eine laminierte Karte zeigt mit Hilfe von Zeichnungen, wie viele Kleidungsstücke der oder die Besucher/-in aussuchen darf. Am Ausgang überprüfen Helferinnen und Helfer, ob die Vorgabe auf der Karte eingehalten wurde. Zum Abschluss erhält jeder Gast Tasche, Koffer oder Rucksack, in dem er die Gegenstände verstauen kann. „Es ist unglaublich schön, ein Teil der Menschlichkeit zu sein, die hier gezeigt wird, und dass es so viele tolle Helferinnen und Helfer gibt, die mit Herz und Hand dabei sind“, fasst Vanessa Hadzic zusammen.
Wie viele andere Einrichtungen, die sich um Flüchtlinge kümmern, ist auch diakonia auf die Mithilfe von ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern angewiesen. 2015 kamen fast 10.000 Münchnerinnen und Münchner und packten mit an; so viele wie noch nie zuvor. Nicht nur die Kleiderausgabe in der Bayernkaserne benötigt helfende Hände, sondern auch die Sortierung der diakonia. Im Münchner Osten werden in einer großen Halle mit angrenzendem Lager die gespendeten Waren nach Geschlecht, Artikel und Größe sortiert, verpackt und für die Unterkünfte bereitgestellt oder eingelagert.

Profis im Umgang mit gespendeter Kleidung
Der Umgang mit gespendeter Kleidung hat in dem Sozialbetrieb eine lange Tradition, schließlich betreibt diakonia in München sehr erfolgreich sieben Secondhand-Läden. Doch als diakonia im Herbst 2014 die Kleidersammlung und-sortierung für Flüchtlinge übernahm, herrschte plötzlich Ausnahmezustand. Das bestehende System stieß schnell an seine Grenzen: Es kamen Tonnen an gespendeter Kleidung. Dabei gab es kaum Platz für Lager- und Sortierarbeiten. Die ehrenamtlich Mitarbeitenden mussten eingewiesen werden und überschüssige oder unpassende Spenden einer anderweitigen Verwendung zugeführt werden. Ein enormer Koordinierungs- und Organisationsaufwand entstand. Gleichzeitig wuchs die Sorge um die Belegschaft, die mit dem Anstieg des Arbeitspensums klarkommen musste. Denn diakonia ist ein Beschäftigungs- und Integrationsbetrieb für langzeitarbeitslose Menschen.Viele der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind nicht so belastbar wie andere Arbeitnehmer am ersten Arbeitsmarkt. „Für die Verantwortlichen von diakonia bedeutete das einen enormen logistischen und organisatorischen Kraftakt“, bedankt sich Dieter Sommer, Geschäftsführer von diakonia, „unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben Großartiges geleistet.“

Zeitweise brachten bis zu 20.000 Menschen pro Woche ihre aussortierten Kleidungsstücke in eine der beiden großen Annahmestellen im Osten und im Westen der Stadt. Die Bekleidungsspenden verdoppelten sich in diesem Zeitraum. Trotzdem reichten die Spenden nicht aus, denn an bestimmten Artikel mangelte es – z.B. Männerkleidung in kleinen Größen oder Hygieneartikel. Diese Waren mussten hinzu gekauft werden. Durch eine enge Kooperation mit dem Sozialreferat der Stadt München konnten der Bedarf allerdings weitgehend gedeckt werden. Auch zahlreiche Firmen zeigten großes Engagement mit Zeit- und/oder Sachspenden.
Es ist noch immer eine große Herausforderung, alle Menschen zu versorgen, die benötigten Spenden zu beschaffen, alles zu sortieren und die Ehrenamtlichen zu koordinieren. diakonia hat sich der humanitären Aufgabe angenommen und schaut optimistisch in die Zukunft. Denn die unter Druck geschaffenen Strukturen funktionieren und die Unterstützung der Münchener Bürger und Bürgerinnen ist weiterhin groß. Vanessa Hadzic: „Die Ehrenamtlichen haben durch ihre Art, die Flüchtlinge willkommen zu heißen, gezeigt, dass Menschlichkeit unendlich viele Gesichter hat. Sie waren so bunt gemischt wie die Neuankömmlinge.“

eine Reportage von Katja Pfeifer; erschienen im Magazin Brauchbar 2016

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