Herausforderung Flüchtlingshilfe

Als Bundeskanzlerin Angela Merkel im August 2015 „Flexibilität“ im Umgang mit den steigenden Flüchtlingszahlen forderte, war bereits eine Welle der Hilfsbereitschaft über Flüchtlingsorganisationen und ehrenamtliche Initiativen hereingebrochen: Im Minutentakt spendeten Menschen aussortierte Textilien; bundesweit engagierten sich tausende Bürger*innen und halfen bei der Erstausstattung der Flüchtlinge mit Kleidung und Hygieneartikeln. Dabei konnten gemeinnützige Organisationen vielfach auf ihre jahrelange Erfahrung bei der Annahme, Sortierung und Weitergabe von Sach- und Kleiderspenden zurückgreifen. Das Ausmaß an benötigter Hilfe im Sommer und Herbst 2015 war allerdings für alle Beteiligten eine Herausforderung - und nicht jede gut gemeinte Spenden war hilfreich.

Im Laufe des Jahres 2015 erreichten immer mehr Menschen Deutschland. Weil sie vor Krieg oder Armut flüchten mussten, hatten viele von ihnen nur das bei sich, was sie am Körper trugen. Neben zahlreichen neu gegründeten ehrenamtlichen Initiativen beteiligten sich auch viele etablierte gemeinnützige Organisationen an der Erstausstattung der Flüchtlinge.
Vielerorts beauftragten Kommunen die gemeinnützigen Organisationen mit der Versorgung der Neuankömmlinge in den Erstaufnahmeeinrichtungen – weil sie erfahrene und flexible Partner waren. In kürzester Zeit wurden Annahmestellen für Spenden eingerichtet, Lagerhallen für Textilien angemietet, Sortierkapazitäten erweitert, freiwillige Helfer eingearbeitet und die Weitergabe der Spenden organisiert. Daneben riefen andere Organisationen, die sonst in regelmäßigen Abständen Straßensammlungen durchführen, zu Sondersammelaktionen für Aufnahmeeinrichtungen und Flüchtlingsunterkünfte auf und stellten bedarfsgerecht Textilien zur Verfügung – teilweise ergänzt durch Kleidung aus Containersammlungen.
Eine Vielzahl an Sozialkaufhäusern und Kleiderkammern öffneten ihre Türen für die Ankommenden und ließen über die Behörden oder in den Einrichtungen Gutscheine verteilen. Für viele Flüchtlinge war dies ein willkommener Anlass, die oftmals beengten Räumlichkeiten der Unterkünfte zu verlassen und in den Läden Kontakt zur einheimischen Bevölkerung aufzunehmen. Zahlreiche Organisationen berichten, dass die Flüchtlinge sehr dankbar auf die Möglichkeit reagierten, sich als normale*r Kunde*in mit Textil- und Gebrauchtwaren ausstatten zu können.
Viele alteingesessene Organisationen kooperierten auch mit den neu entstandenen ehrenamtlichen Initiativen, die Kleiderkammern einrichteten und Spenden sammelten. Die Organisationen berieten die Ehrenamtlichen und stellten bedarfsgerecht Bekleidung zur Verfügung; sie kümmerten sich um die Überschüsse der Initiativen und sorgten so für freie Lagerkapazitäten und Entlastung in der Sortierung.

Unerwartete Spendenbereitschaft
Bei Ankunft der ersten Flüchtlinge zeigte sich eine vorher kaum vorstellbare Spendenbereitschaft. In der Hochphase seien im Sekundentakt Kleiderspenden abgegeben worden, berichtet eine FairWertung angeschlossene Organisation.
Diese große Hilfsbereitschaft brachte aber auch Probleme mit sich: So mussten enorme Kleidermengen zunächst einmal nach dem tatsächlichen Bedarf sortiert werden; es fehlten Lagerräume für Spenden und sortierte Textilien und die Ausgabe der Kleidung musste koordiniert werden. Glücklicherweise gab es eine große Bereitschaft in der Bevölkerung, aktiv mit anzupacken. Einige Firmen veranstalteten so genannte „Social-Days“. An diesen Tagen unterstützte die Belegschaft eines Unternehmens eine gemeinnützige Organisation bei der Annahme, Sortierung oder Weitergabe von Textilien.

Vor allem Frauen engagierten sich in der Sortierung und der Ausgabe von Kleidung. Der Umgang mit körperlich anspruchsvollen Arbeiten wie dem Einlagern schwerer Spendensäcke oder sortierter Textilien wurde dabei mancherorts zum Problem, denn es mangelte an männlichen Helfern.

Die Kleiderberge bewältigen
Vor allem zu Beginn sorgten unpassende Spenden für einen zusätzlichen und unnötigen Arbeitsaufwand. Oftmals wurde saisonal oder kulturell unangebrachte Kleidung abgegeben. Vielen Spender*innen war nicht bewusst, dass z.B. kurze Röcke oder Herrenanzüge in großen Größen keine Abnehmer*innen finden würden. Auch brachten viele Bürger*innen gegen Ende des Jahres aussortierte Sommerkleidung zu den Sammelstellen. Doch die Geflüchteten benötigten Wintersachen.
Zum bundesweit begehrtesten Artikel wurde Männerbekleidung in kleinen Größen.
Der Grund hierfür: Der deutsche Einzelhandel verkauft mehrheitlich Frauenbekleidung – und deshalb sind etwa 60 Prozent aller gespendeten Kleidungsstücke Damensachen. Auch werden meist andere Herrengrößen benötigt als in Deutschland üblich – nämlich kleinere. Hinzu kommt, dass die abgegebene Männerkleidung oftmals nicht zur Weitergabe geeignet ist, weil sie z.B. verschlissen ist.
Auf die Kleiderflut reagierten die meisten Organisationen mit der Veröffentlichung von Bedarfslisten und einem zeitweisen Spendenstopp. So konnten ehren- und hauptamtliche Kräfte in der Sortierung entlastet und aufgelaufene Spendenberge bearbeitet werden. Ärgerlich blieb allerdings die vereinzelt auftretende mangelnde Einsicht in die Notwendigkeit von Mindeststandards bei der Qualität der Textilien. So waren einzelne Spender*innen empört, wenn ihre aussortierte Kleidung mit dem Hinweis auf mangelnde Qualität zurückgewiesen wurde. Bei einigen wenigen trat dabei ein fragwürdiges Menschenbild zutage – denn sie hielten kaputte oder zerschlissene Bekleidung immer noch für gut genug, um sie an Flüchtlinge weiterzugeben. Solche Vorfälle blieben allerdings die Ausnahme.

Manche Bürgerinnen und Bürger unterstellten den engagierten Organisationen auch, dass den Ankommenden lediglich die zweite oder dritte Wahl der Spenden weitergegeben würde. Die guten Qualitäten würden stattdessen gewinnbringend in eigenen Läden verkauft – so der Vorwurf. Tatsächlich bedienen die Organisationen die Flüchtlingseinrichtungen und Erstaufnahmelager immer zuerst nach Bedarf. Entsprechend wurden und werden die Spenden sortiert. Dabei kann es sein, dass einzelne Stücke in den Sozialkaufhäusern der Organisationen unterkommen, wenn sie keine Verwendung in der Flüchtlingshilfe finden, weil sie unpassend sind oder der Bedarf mehr als gedeckt ist,. Dort werden sie kostenlos oder gegen eine Schutzgebühr an Bedürftige weitergegeben.
Besonders in der Hochphase sahen sich die Organisationen jedoch oft mit dem ausdrücklichen Wunsch konfrontiert, dass die Spenden ausschließlich für Flüchtlinge verwendet werden sollten. So verständlich dieser Wunsch sein mag, so schwierig ist er in der Praxis umsetzbar. Zum einen können Organisationen und Initiativen bei der Annahme nicht einschätzen, ob die einzelne Spende tatsächlich den Erfordernissen vor Ort entspricht. Zum anderen waren die insgesamt abgegebenen Mengen deutlich größer als der Bedarf. Dadurch ergaben sich automatisch Überschüsse, mit denen die Sammelstellen umgehen mussten. Die meisten gemeinnützigen Sammler lehnen allerdings eine Unterscheidung zwischen „Flüchtlingen“ und „anderen Bedürftigen“ ab. Ein Vertreter einer FairWertung angeschlossenen Organisation bringt es auf den Punkt:„Bedürftige sind Bedürftige – wer unsere Hilfe braucht, bekommt sie auch.“

Der Artikel ist erschienen im Magazin Brauchbar 2016. Das Heft können Sie hier bestellen

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